Stefan Lehmann ist mit seinem Cateringunternehmen seit mehr als 20 Jahren in der Kita- und Schulverpflegung tätig. Seit Januar 2024 engagiert er sich zudem im VDSKC und leitet die Landesgruppe Nordrhein-Westfalen. Um der gesunden Ernährung von Kindern und Jugendlichen politisches Gewicht zu verleihen, hat er das NRW-Bündnis für gutes Kita- und Schulessen mitinitiiert. Im Interview erzählt er von den Zielen des Netzwerks, der unverzichtbaren Praxisexpertise der Caterer und seinen konkreten Forderungen an die Politik.
Sie engagieren sich seit rund eineinhalb Jahren im NRW-Bündnis für gutes Kita- und Schulessen. Was war Ihr Antrieb, sich diesem Bündnis anzuschließen, und welches Ziel wollten Sie mit dem Zusammenschluss erreichen?
Alles begann praktisch mit der Übernahme des VDSKC-Landesvorsitzes in Nordrhein-Westfalen. Damit haben wir uns ganz bewusst auf den Weg gemacht, die Verpflegung in Kitas und Schulen nachhaltig zu verbessern. Schnell wurde dabei deutlich, dass wir diese Aufgabe nicht allein bewältigen können, sondern starke und kompetente Partner brauchen. Deshalb haben wir uns gefragt: Wer sind die relevanten Akteure in diesem Bereich? Wer kann tatsächlich Veränderungen anstoßen und welche Partner müssen wir dafür zusammenbringen? Mit dem DEHOGA NRW, den Ernährungsräten und der Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung NRW haben sich schließlich unterschiedliche Akteure zusammengeschlossen, die eines verbindet: die Überzeugung, dass gutes Kita- und Schulessen kein „Extra“ sein darf, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil von Bildung und Betreuung sein muss.
Als Schul- und Kitacaterer erlebe ich täglich, welchen Stellenwert die Verpflegung für Kinder und Jugendliche hat. Ein gutes Mittagessen soll nicht nur satt machen, sondern Gesundheit, Konzentration und Wohlbefinden fördern und gleichzeitig Gemeinschaft schaffen. In der Praxis erleben wir jedoch, dass dies noch längst nicht überall selbstverständlich ist. Genau hier setzt unser Bündnis an: Wir wollen die unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Kompetenzen zusammenbringen, starke und wirkungsvolle Partnerschaften aufbauen und gemeinsam konkrete Veränderungen anstoßen. Denn eine gute Kita- und Schulverpflegung kann langfristig nur gelingen, wenn Politik, Kommunen, Träger, Einrichtungen, Caterer und weitere relevante Akteure gemeinsam Verantwortung übernehmen und an einem Strang ziehen.
Im Bündnis arbeiten sehr unterschiedliche Akteure zusammen. Was macht diese Konstellation aus Ihrer Sicht besonders wertvoll? Welche Perspektive kann der VDSKC dabei einbringen?
Gerade die Zusammensetzung des Bündnisses macht es für mich so wertvoll. Die beteiligten Akteure bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen, Kompetenzen und Netzwerke mit – und genau diese Kombination gibt uns die Möglichkeit, gemeinsam etwas zu bewegen. Wir wollen nicht nur über die Probleme der Kita- und Schulverpflegung sprechen. Wir wollen unser Wissen und unsere Erfahrungen zusammenbringen, daraus konkrete Konzepte und Forderungen entwickeln und diese auch gegenüber der Politik deutlich machen. Wir wollen aufzeigen, wo es Handlungsbedarf gibt und gleichzeitig konkrete Vorschläge machen, wie Veränderungen aussehen können. Jeder bringt sein Wissen in diesen gemeinsamen „Pott“ – und gemeinsam machen wir daraus etwas, das Wirkung entfalten kann.
Der VDSKC bringt vor allem die unmittelbare Praxiserfahrung der Caterer ein. Wir wissen, was es bedeutet, täglich Kita- und Schulessen zu planen, zu produzieren, zu transportieren und auszugeben. Wir kennen die Herausforderungen des Alltags und wissen aus der Praxis, was funktioniert – und wo Vorgaben oder politische Anforderungen an den tatsächlichen Gegebenheiten vorbeigehen. Genau diese Erfahrung ist wichtig, wenn wir Konzepte und Forderungen entwickeln, mit denen wir an die Politik herantreten. Wir haben die fachliche und praktische Expertise und wollen diese nutzen, um konkrete Veränderungen anzustoßen. Für mich ist das die besondere Stärke des Bündnisses: Wir haben die Kompetenz, wir haben die Erfahrung und wir haben die unterschiedlichen Netzwerke. Jetzt geht es darum, dieses Wissen zu bündeln, gemeinsam konkrete Vorschläge zu entwickeln und damit auch den politischen Dialog zu suchen. Unser Anspruch ist nicht, Konzepte für die Schublade zu schreiben – wir wollen, dass daraus etwas entsteht und sich in der Kita- und Schulverpflegung tatsächlich etwas verändert.
Sie haben ein Positionspapier ausgearbeitet, dass sich an Politik und Verwaltung richtet. Welche Themen waren in der gemeinsamen Arbeit besonders wichtig? Bei welchen Punkten sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf für die Kita- und Schulverpflegung in Nordrhein-Westfalen?
In der gemeinsamen Arbeit wurde deutlich, dass wir bei der Kita- und Schulverpflegung an mehreren Stellen ansetzen müssen. Uns war deshalb wichtig, im Positionspapier nicht nur die Qualität des Essens selbst zu betrachten, sondern auch die Voraussetzungen, unter denen gute Verpflegung überhaupt möglich wird. Besonders wichtig sind für mich dabei drei Punkte: praxistaugliche Qualitätsstandards, eine Finanzierung, die Qualität ermöglicht, und faire Vergabeverfahren, bei denen nicht ausschließlich der Preis entscheidet. Dazu kommen die notwendigen räumlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen vor Ort.
Den größten Handlungsbedarf sehe ich darin, diese Aspekte stärker zusammenzudenken. Wir haben in Nordrhein-Westfalen viele gute Beispiele und engagierte Menschen – aber gute Verpflegung darf nicht davon abhängen, wie die Rahmenbedingungen an einem einzelnen Standort sind. Es braucht verlässliche Strukturen, die gute Verpflegung überall ermöglichen.
Mit unserem Positionspapier wollen wir deshalb nicht nur aufzeigen, wo wir Handlungsbedarf sehen. Wir wollen Politik und Verwaltung ausdrücklich dazu einladen, mit uns gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Wir bringen die praktische Erfahrung und das Fachwissen aus dem täglichen Betrieb mit und wissen, wo die Herausforderungen liegen und welche Lösungen in der Praxis funktionieren können. Dieses Wissen wollen wir zur Verfügung stellen und gemeinsam mit den Verantwortlichen weiterentwickeln. Wenn Politik und Verwaltung die Kita- und Schulverpflegung wirklich besser machen wollen, stehen wir als Bündnis und als Praktiker bereit, diesen Weg gemeinsam zu gehen. „Darf’s etwas besser sein?“ – für uns ist die Antwort klar: Es muss besser werden. Und wir wollen unseren Teil dazu beitragen.
Welche mittelfristigen Ziele verfolgen Sie mit dem NRW-Bündnis? Woran würden Sie in zwei oder drei Jahren erkennen, dass sich Ihr Engagement tatsächlich auf die Qualität des Kita- und Schulessens in NRW ausgewirkt hat?
Unser mittelfristiges Ziel ist klar: Die Arbeit des Bündnisses soll konkrete Veränderungen anstoßen. Das Positionspapier soll dabei kein Dokument bleiben, das einmal veröffentlicht und anschließend abgelegt wird. Wir wollen dazu beitragen, dass gutes Kita- und Schulessen in Nordrhein-Westfalen einen höheren Stellenwert bekommt und sich die Rahmenbedingungen für eine gute Verpflegung spürbar verbessern. Für die kommenden zwei bis drei Jahre wünsche ich mir, dass sich in der Praxis etwas bewegt hat. Dass gute Konzepte häufiger umgesetzt werden, dass mehr Kitas und Schulen die Verpflegung als festen Bestandteil ihres Bildungs- und Betreuungsauftrags verstehen und dass Caterer, Einrichtungen und Träger bessere Voraussetzungen haben, um Qualität tatsächlich umzusetzen.
Ein ebenso wichtiges Zeichen wäre für mich, wenn der Austausch zwischen Politik, Kommunen, Trägern und den Verpflegungsanbietern selbstverständlich und regelmäßig stattfindet. Denn wenn wir die Verpflegung nachhaltig verbessern wollen, müssen wir gemeinsam an den Lösungen arbeiten. Und am Ende geht es natürlich um die Kinder. Sie sind die eigentliche Zielgruppe unserer Arbeit. Wenn Kinder in Nordrhein-Westfalen flächendeckend gut verpflegt werden und wenn Ernährung im Kita- und Schulalltag einen höheren Stellenwert bekommt, dann haben wir etwas bewegt.
Positionspapier des NRW-Bündnisses für gute Kita- und Schulverpflegung

